#16 Günther Brechtel

Bilder

Menschlich und sportlich ein Vorbild

Günter Brechtel wurde als einarmiger Rennradfahrer bekannt. Am Montag war der 58-jährige bei der Marbacher Talk-Runde „Fische im Tee“ zu Gast, wo er unterhaltsam auf sein Leben zurückblickte. Dabei trat speziell eines in den Vordergrund: Die bemerkenswerte Melange aus Bescheidenheit und Wagemut, die den Sportler kennzeichnet.
Ideal waren dabei die Rahmenbedingungen: Ein Bilderbuch-Sommerabend, der auf der Terrasse des Literaturarchivs der Moderne spektakulär–schöne Abendhimmel-Szenarien bot. Eine warme Brise umhüllte zudem die Zuhörenden, die gespannt waren auf das, was der Sportler zu erzählen hatte. Die Corona-Pandemie zwingt derzeit die Veranstalter, Achim Seiter und Adi G., nach alternativen Standorten zu suchen, die den Talk im Freien ermöglichen. Der Stammplatz im Café Provinz bietet aufgrund des Abstandsgebots nur etwa 20 Besucherplätze.
Wie üblich war auch diese Gesprächsrunde von den wechselseitigen Flachsereien der Fragesteller geprägt. Kongenial dazu passte der betont saloppe Sprachcharakter des Gastes, der alles andere als larmoyant sein Schicksal meistert. Das Saloppe darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Günter Brechtel bei all seinen unbekümmerten, uneitlen Aussagen eine Botschaft mit sich trägt, die ihn sportlich und menschlich zum Vorbild macht. Und die lautet:“ Egal, wie das Schicksal sich gestaltet, Du solltest Dir Ziele setzen und dein Leben aktiv gestalten.“
Für den Radsportler, der bis zum 25. Lebensjahr in Radebeul bei Dresden lebte und 1987 per Rad nach Ungarn und anschließend durch die Drau schwimmend in den Westen floh, war das erste große Ziel die Freiheit: „Denn keiner ist gerne eingesperrt“, so der Mann, der nach eigenen Aussagen „keine materiellen Sorgen“ in der DDR hatte und seine Erfolgsaussichten bei der Flucht lediglich mit fünf Prozent ansetzte. Sein Credo: “Nicht nur aufs Glück warten, sondern es manchmal auch ein wenig anschieben“, half dem gelernten Elektromeister vielleicht auch bei seiner Tumorerkrankung. Die Ärzte rieten ihm nach einem Rezidiv zur Amputation des rechten Armes, um die Aussichten, sein Leben zu retten, zu erhöhen. Auch hier handelte es sich wohl nur um eine fünfprozentige Chance. Adi G. Arbeitete bei dem Gespräch folgerichtig heraus, dass Brechtel offensichtlich ein Glückspilz sei. „Als solcher verstehe ich mich auch“, bestätigte der Radsportler, der ausführte, wie es trotz seiner Behinderung dazu kam, dass er 1994 sein erstes Amateurrennen startete.
Um die enormen Phantomschmerzen besser in den Griff zu bekommen, setzte sich Brechtel besonders ausdauernd aufs Rad – mit großem Erfolg. Er wurde 1997 zum ersten Mal Deutscher Meister auf der Straße, nahm an zwei Paralympischen Spielen teil, schrammte dort nur knapp an der Bronzemedaille vorbei und machte zudem als Bahnradfahrer Karriere.

Cornelia Ohst | Marbacher Zeitung

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