#9 Judith Raupp

Der Alltag einer Gleichstellungsbeauftragten

Judith Raupp ist Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Ludwigsburg. Am Montagabend war sie zu Gast beim Marbacher Gesprächsrunden-Format „Fische im Tee“. Dessen Moderatoren Adrian Gieseler und Achim Seiter konnten drinnen im Café Provinz rund zwei Dutzend Gäste begrüßen – plus der akustischen Nutznießer, die draußen im Biergarten möglicherweise den Ausführungen lauschten. Die Gleichstellung von Männern und Frauen ist für Raupp eine Herzensangelegenheit. Die in dieser Funktion erst seit März 2019 tätige Frau, hat das Bedürfnis, das Thema innerhalb unserer Gesellschaft „sichtbar zu machen“. Diese Absicht jedenfalls nannte sie – verbunden mit ihrem Dank den beiden Fragestellern gegenüber – am Ende des Abends.

Doch zunächst zum Anfang: Der zeigt sich bei den Fischen im Tee häufig ein wenig skurril. Kleine Zänkereien und Abstimmungsschwierigkeiten, wer nun was genau fragt, gehören bei dem charmant chaotischen Duo dazu. Das macht es den Zuhörern nicht immer leicht, den Überblick zu behalten und den Intentionen sowie teilweise nicht zu Ende gedachten Fragen folgen zu können. Allzu gerne nämlich grätscht Achim Seiter dazwischen und unterbricht, mit weiteren Fragen, die Antwort der eingeladenen Person. Doch Judith Raupp blieb souverän. Völlig unbekümmert und natürlich verschaffte sie sich den nötigen Respekt, um ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen und den Fokus immer wieder auf ihr Thema zu lenken. Dass sie dabei auch Humor zu streuen versteht, ist ebenfalls wohltuend. Etwa mit ihrem Gastgeschenk. Denn Judith Raupp hatte eine Kiste zur Fragerunde mitgebracht. Der Inhalt: Zaubertinte, ein Spiegel, ein Miniatur-Anker und eine Brille. Alle Artikel stünden für einen Teil ihrer Arbeit, erklärte die Gleichstellungsbeauftragte und weckte damit Neugierde auch bei den Zuhörern. Das fortführende Gespräch schließlich brachte Aufklärung: Der Spiegel etwa sei nötig, weil man immer wieder mal jemanden brauche, der einem einen Spiegel vorhalte.
Immer wieder werde sie gefragt, so war zu hören, ob es denn keine männlichen Gleichstellungsbeauftragten gebe. Raupp machte deutlich, dass ihr ein gemischtgeschlechtliches Team diesbezüglich am liebsten wäre. Dass aber Frauen in der Gesellschaft diejenigen sind, die in vielen Bereichen benachteiligt werden, das ließ Judith Raupp zweifelsfrei stehen. Ebenso den Umstand, dass innerhalb ihres Erfahrungsbereichs sich immer mehr Männer für die Eltern- oder auch Teilzeit erwärmten, obwohl die Arbeitsrealität dem gesetzlichen Anspruch vielfach immer noch skeptisch gegenüberstehe. Ihr Ziel sei, dass Chefs nicht mehr zusammenzuckten, wenn Männer diesen Anspruch kommunizierten. Und natürlich geht es bei diesem Themenkomplex häufig auch um sexistische Werbung, wenn nämlich Frauen zum Objekt gemacht werden. „Wenn ich Werbung anschaue, kommt’s mir oft hoch“, lautete der Kommentar von Judith Raupp.
Aber auch um Gewalt gegen Frauen, oder um sexuelle Belästigung und arbeitsrechtliche Konsequenzen drehten sich die Fragen. Dabei merkte Adrian Gieseler an, dass es möglicherweise schwierig sein könnte, einzuschätzen, ob man – etwa durch saloppe Sprüche – eine Grenze überschreite. „Die betroffene Person entscheidet, wo die Grenze ist“, argumentierte Raupp und markierte klar, was überhaupt nicht geht: „Eine deutliche Herabsetzung aufgrund des Geschlechts. Dann ist die Grenze erreicht.“ Und wie immer wurden am Schluss der Frage-Runde auch Besucherfragen beantwortet. Etwa, ob Männer mit ihrem Baby die Wickeltische in den Frauen-Toiletten benutzen dürften: Raupp meinte überzeugt: „Ja“.

Marbacher Zeitung | Cornelia Ohst

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